Dissertation/Thesis Abstract

(Non)Adherence in Doctor/Patient Interactions in Nigerian HIV Clinics
by Boluwaduro, Eniola Olamide, Ph.D., Universitaet Bayreuth (Germany), 2018, 222; 10990820
Abstract (Summary)

In ambulanten Routinekontrollsprechstunden zur Behandlung chronisch erkrankter Patient/innen stehen das Krankheitsmanagement und die Prävention eines ungünstigen Krankheitsverlaufs im Vordergrund. U. a. bei HIV-Patient/innen gilt dabei für einen dauerhaften Therapieerfolg, dass die ärztlichen Sprechstunden in regelmäßigen Abständen aufgesucht und therapeutische Empfehlungen befolgt werden sollen und ferner, dass die obligatorische antiretrovirale Medikation (ART) täglich eingenommen werden muss. Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit Routinegesprächen zwischen auf HIV spezialisierten Mediziner/innen und weiblichen HIV-Patientinnen, die im südwestlichen Nigeria in klinischen Ambulanzen stattfanden. Aus einem gesprächsanalytischen Zugang heraus werden interaktionale Aktivitäten fokussiert, die für diese HIV-Sprechstunden konstitutiv sind. Ausgehend von Beobachtungen am authentischen Datenmaterial wird v. a. die Fragestellung verfolgt, mit welchen sprachlich-interaktiven Verfahren Ärzt/innen Adhärenz thematisieren, erfragen oder unterstellen bzw. wie die Medikamentenadhärenz der Patientinnen im Gespräch relevant gesetzt und ausgehandelt wird. Die Arbeit ist methodologisch in der Konversationsanalyse (Conversation analysis, CA) und in der Soziokognitiven Theorie (socio-cognitive theory, SCT) verankert. Das Datenmaterial - 70 Audio-Aufnahmen von HIV-Sprechstunden - wurde zunächst transkribiert und dann qualitativ, nach einem sequenziellen, induktiven Vorgehen ausgewertet. Zusätzliches Datenmaterial zur Analyse waren 17 semi-strukturierte Interviews mit Informant/innen der Studie, die inhaltsanalytisch ausgewertet wurden. Ferner dienten Informationen aus den Patientenakten, schriftliches Informationsmaterial von Nichtregierungsorganisationen über HIV/AIDS sowie Feldtagebucheinträge aus einer teilnehmenden Beobachtung als ethnographisches Datenmaterial. Die Analyse zeigt, dass Adhärenz im Rahmen in den untersuchten Gesprächen ein multidimensionales Konzept ist, das sowohl Medikamententreue als auch das Befolgen anderer therapeutischer Empfehlungen und das Realisieren ärztlicher Erwartungen an das patientenseitige Krankheitsmanagements umfasst (v. a.: regelmäßig die ärztliche Sprechstunde aufsuchen und den CD4-Zellstand als Indikator des HIV-spezifischen Gesundheitszustands messen lassen). Das Umsetzen ärztlicher Erwartungen wird als gleichbedeutend mit einem funktionalen Krankheitsmanagement angesehen und – teils implizit – als Indikator für medikamentöse Compliance behandelt. Während den Anliegen der Patientinnen v. a. in der Eröffnungsphase des Gesprächs Raum gegeben werden kann, sind die Aktivitäten der Anamnese und Beschwerdenexploration sowie der Therapieentscheidung maßgeblich durch adhärenzbezogene Aushandlungen geprägt. Übergreifend kommunizieren die Ärzt/innen hierbei häufig mehr oder weniger direkt die Erwartung, dass Patient/innen nicht adhärent seien. In anamnestischen Sequenzen sind neben expliziten adhärenzprüfenden Fragen (nach dem Muster „Haben Sie Ihre Medikamente eingenommen?“) auch Anschuldigungen und Vorwurfshandlungen belegt. Patient/innen reagieren auf diese mit rechtfertigenden Erklärungen für unerwünschtes gesundheitsbezogenes Handeln. Allerdings sind Patient/innen kooperativer im Sinne eines gemeinsamen Krankheitsmanagements, wenn Ärzt/innen indirektere Strategien (wie Fragen über den letzten Termin) wählen, um etwas über die Adhärenz der Patientin in Erfahrung zu bringen. Während der Therapieentscheidung wird weniger die vergangene als vielmehr die zukünftige Adhärenz der Patientinnen relevant, obgleich auch hier die Erwartung der Nicht-Adhärenz im Hintergrund steht: Ärzt/innen motivieren die Patientinnen dazu, die Medikamente (weiter) einzunehmen, indem sie das Fortführen der Einnahme direkt anweisen. Weiterhin wird die Adhärenz durch ärztliche Erklärungen über die Relevanz der regelmäßigen ART-Einnahme sowie durch Planungssequenzen zur Terminabsprache zu sichern versucht. Erklärungen für das Vorkommen dieser sprachlich-interaktiven Verfahren der Adhärenzsicherung finden sich in den untersuchten Interviews: Diese zeigen, dass Ärzt/innen und HIV-Berater/innen häufig die Annahme formulieren, dass Nicht-Adhärenz unter HIV-Patientinnen weit verbreitet ist – eine Annahme, die durch Fragebogenstudien zu adhärenzbezogenem Verhalten unter nigerianischen HIV-Patient/innen gestützt wird. Die institutionellen Akteur/innen attribuieren diese auf psycho-soziale Bedingungen sowie auf die z. T. biomedizinfernen subjektiven Krankheitstheorien der Patientinnen. Die Auswertung der Interviews zeigt hiermit zusammenhängend weiterhin, dass Patientinnen alternative Therapieformen wählen, um die Wahrscheinlichkeit eines dauerhaften Therapieerfolgs zu erhöhen: Sie behandeln alternative Therapieoptionen als Katalysator der biomedizinischen ART-Therapie. Dagegen sehen HIV-Berater/innen wie Ärzt/innen den Einsatz alternativer Therapien durchweg als hinderlich für ein optimales Therapieergebnis an. Aus angewandter Perspektive kann aus den Befunden abgeleitet werden, dass Ärzt/innen und Berater/innen die subjektive Perspektive von Patient/innen einbeziehen sollten, um Nichtadhärenz, aber auch besondere Motivationen für funktionales gesundheitsbezogenes Handeln in Erfahrung zu bringen. Allgemein trägt die vorliegende Arbeit durch die Untersuchung von HIV-Kontrollsprechstunden zur Erforschung des HIV-Diskurses im südwestlichen Nigeria bei. Durch den Fokus auf sprachlich-interaktive Phänomene in ärztlichen Gesprächen kann gezeigt werden, wie große medizinisch-diskursive Themen wie HIV/AIDS – und hiermit zusammenhängend: ART-Adhärenz – im „Klein-Klein“ eines rekurrent auftretenden Interaktionsereignisses relevant gemacht und ausgehandelt werden.

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Advisor:
Commitee:
School: Universitaet Bayreuth (Germany)
School Location: Germany
Source: DAI-C 81/1(E), Dissertation Abstracts International
Source Type: DISSERTATION
Subjects: Communication, Health care management, Public health
Keywords: Doctor-patient communication
Publication Number: 10990820
ISBN: 9781088398029
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