Dissertation/Thesis Abstract

Competing and Conflicting Power Dynamics in Waqfs in Kenya, 1900–2010
by Chembea, Suleiman Athuman, Ph.D., Universitaet Bayreuth (Germany), 2017, 245; 10676688
Abstract (Summary)

Die Institution des islamisches Stiftungswesens (waqf) reicht bis ins das 7. Jahrhundert zurück und steht für ein reiches sozio-kulturelles Erbe. Die vornehmlichen Aufgaben des islamischen Stiftungswesens waren finanzielle Mittel zu generieren, die als Ausdruck von Frömmigkeit (taqwa) Nähe zu Gott (qurba) bezwecken sollten. Zudem diente es dazu sowohl die Nachkommenschaft als auch die Gemeinschaft gesellschaftlich und wirtschaftlich abzusichern. Als ein islamisch-wohltätiges Unternehmen unterliegt das islamische Stiftungswesen einer durch das islamische Recht (Scharia) legitimierten Verwaltung, die dem Verwalter (mutawalli), der durch Kadis und islamische Gelehrte (culama) angeleitet wird, unterstellt ist. Seine Aufgabe ist nicht nur auf die Interpretation normativer Vorschriften, durch die die Existenz der Stiftung sichergestellt werden, beschränkt, sondern auch auf potentielle Konflikte, die daraus entstehen können, zu regeln.

Ferner bedingt diese islamische Institution im Kontext von Kenia auch einen ständigen Aushandlungsprozess gegenüber dem säkularen Staat einerseits und gegenüber den unterschiedlichen sozialen und ethnischen Gruppen der Muslime Kenias andererseits. Diese Studie hat folgende Hauptforschungsziele: Die Darstellung der historischen Entwicklung der Institution des waqf vom britischen Kolonialismus (1900) bis in die Gegenwart (2010). Die Analyse der Einflüsse eines säkularen Staatswesens und zivilrechtlicher Regularien auf das islamische Stiftungswesen sowie die muslimischen Reaktionen auf diese Rahmenbedingungen. Schließlich untersucht die Studie die Nutzbarmachung islamischer Stiftungen für die gesellschaftliche und kulturelle Entwicklung der Gemeinschaft durch die Muslime.

Zur Umsetzung dieser Forschungsziele, bedient sich diese Studie eines multidisziplinären Ansatzes. Bourdieus Theorie der Praxis (1977) erhellt die Aushandlungsprozesse zwischen den unterschiedlichen staatlichen und nicht-staatlichen Vertretern und Akteuren in Bezug auf die Kontrolle über die Ressourcen – einschließlich des islamischen Stiftungswesens – der muslimischen Gemeinschaft. Insbesondere Bourdieus Konzepte zum sozialen Feld, Kapital (symbolisch, kulturell, sozial und politisch) und symbolischer Gewalt bieten vielversprechende Erklärungsansätze. James C. Scotts (1976) Konzept des symbolischen (ideologischen) Widerstands war nützlich, die Reaktionen der Muslime auf die staatliche Kontrolle des islamischen Stiftungswesens zu verstehen. Allerdings konnten weder Scotts Ansatz noch Bourdieus Theorie der Praxis die internen sozio-ethnischen und kulturellen Dynamiken vollumfänglich erklären.

Diese Dynamiken umfassten Verhaltensweisen in Bezug auf die Schaffung, die Kontrolle, das Management und den Gebrauch von islamischen Stiftungen während und nach der Ära des Kolonialismus sowie außerhalb der Einflusssphäre des Staates. Auf Basis dieser Beobachtung und auf Grundlage der historisch bedingten Fluidität räumlicher Beziehungen zwischen muslimischen Gruppen und Regionen im Lande erfolgte die Entwicklung des Konzepts von umiji-wamiji (lokale Identität und Zugehörigkeit). Die primären Forschungsdaten sind das Ergebnis von über zehn Monaten Feldforschung in den überwiegend von Muslimen bewohnten Gebieten von Mombasa, Malindi/Kilifi, Lamu und Kwale. Es wurden informelle Gespräche mit unterschiedlichen Akteuren des islamischen Stiftungswesens geführt, entsprechende waqf Unterlagen analysiert sowie islamische Stiftungen vor Ort besucht. Als sekundäre Daten diente die aktuellste wissenschaftliche Literatur zum islamischen Stiftungswesen in muslimischen Gesellschaften. Normative Konzepte als auch qualitative und 4 quantitative Methoden waren die Grundlage für die Datenanalyse, deren Ergebnisse mit einer Verschmelzung historischer, anthropologischer und deskriptiver Ansätze präsentiert werden. Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass die Gesetzgebung des säkularen Staates sowie die daraus resultierenden zivilrechtlichen Regularien in eine Kontrolle über das islamische Stiftungswesen mündeten. Infolgedessen fanden sich die Muslime seit der britischen Kolonialherrschaft in einer untergeordneten sozioökonomischen und kulturellen Stellung wieder.

Als Ergebnis des Kontrollverlustes über dieses soziokulturellen Erbes und dessen Privilegien, haben sich die Muslime von dem staatlich kontrollierten islamischen Stiftungswesen abgewandt und anderer nicht unter staatlicher Kontrolle stehender islamischer Wohltätigkeit bedient. Auf der Grundlage scharia-rechtlicher Möglichkeiten handelte es sich um freiwillige Gaben (sadaqa), wohltätige Organisationen unter der Kontrolle der Gemeinschaft sowie alternativer Formen islamischer Stiftungen. Somit haben sich die Muslime der staatlichen Kontrolle entzogen. Dadurch änderte sich nicht nur das Beziehungsgeflecht zwischen Herrschern und Beherrschten sondern hatte auch den Effekt, dass die Muslime weiterhin die Eigentumsrechte und die Kontrolle über sozio-kulturelles und wirtschaftliches Vermögen innehatten. Durch ein breiter angelegtes Konzept islamischer Wohltätigkeit waren die Muslime somit weiterhin in der Lage ihrer spirituellen Verpflichtung – die Sorge für die Gemeinschaft – nachzukommen. Diese offenbar konzertierte Antwort auf die staatliche Kontrolle über das islamische Stiftungswesen hat jedoch nicht dazu geführt, dass die innerhalb der muslimischen Gemeinschaft vorhandenen Dynamiken – das islamische Stiftungswesen für zeitlich und lokal begrenzte Gruppeninteressen zu benutzen – abhandengekommen sind.

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Advisor:
Commitee:
School: Universitaet Bayreuth (Germany)
School Location: Germany
Source: DAI-C 81/1(E), Dissertation Abstracts International
Source Type: DISSERTATION
Subjects: African Studies, Islamic Studies
Keywords: Scott, James C., Sadaqa, Religious endowments
Publication Number: 10676688
ISBN: 9781088340936
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